Riesenslalom vor der Isle of Wight

Kurzfristig hatten wir heimatliche Gefühle. Christoph war schon nahe dran, seine Schibrille aufzusetzen, die Schistöcke in Position zu bringen und in die Schranz-Hocke zu gehen (hat aber natürlich weder Schibrille noch -stöcke mit im Gepäck), denn wir fuhren mit Maha Nanda Riesenslalom. Abfahrtshocke wäre auf jeden Fall eine schlechte Idee gewesen, denn die Hafeneinfahrt nach Bembridge erlaubt dir keine einfachen Manöver.

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Bembridge liegt gegenüber von Portsmouth auf der Isle of Wight am Beginn des Solent, DEM englischen Segelrevier schlechthin. Den kleinen Hafen kann man – das haben wir unserem schlauen Buch, dem English Channel Pilot, entnommen – in der Zeit von drei Stunden vor bis drei Stunden nach Niedrigwasser nicht anlaufen, weil die Wassertiefe auf einen halben Meter sinkt, wir würden also mit unserer Maha Nanda mit eineinhalb Metern Tiefgang steckenbleiben. Not amusing, daher hatten wir unseren Schlag von Brighton nach Bembridge so geplant, dass wir bei Hochwasser ankamen. Ganz geschafft haben wir’s nicht, die Wettervorhersage machte uns einen Strich durch die Rechnung, besser gesagt, der Wind, der sich nicht an die Vorhersage hielt und konstant von West statt Nord, also genau gegen uns, blies. Immerhin schlief er irgendwann am späten Nachmittag völlig ein, dafür setzte der Strom (wieder) Richtung West und schob uns rechtzeitig vor Niedrigwasser in den Hafen von Bembridge.

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Abendstimmung im Bembridge Harbour, Isle of Wight

Einmal nördlich rund um eine aus dem Wasser ragende Befestigung aus dem Ersten Weltkrieg herum – südlich herum ist Steckenbleib-Kurs – und dann immer schön in Schlangenlinien zwischen den Tonnen hindurch ging’s in den Hafen hinein. Links rot, rechts grün, hübsch zickzack mit stetigem Kontrollblick auf den Tiefenmesser, der uns irgendwann nur mehr einen halben Meter Wasser unterm Kiel auswies. Aber das Slalomfahren funktionierte – ein g’lernter Österreicher hat das eben d’rauf – wir kamen ohne Grundberührung im Bembridge Harbour an. Den Channel Pilot aufmerksam zu studieren können wir jedem Ärmelkanal-Segler nur ans Herz legen, denn heute hatten wir großes Hafenkino. Offensichtlich sind nicht alle so gut wie wir vorbereitet, denn wir sahen Skipper, die unter Vollgas versuchten, ihre auf Grund gelaufenen Yachten wieder freizubekommen, wir sahen Steuermänner, die seelenruhig östlich des roten Tonnenstrichs Richtung Flach steuerten. Zum Glück hat Bembridge einen ebenso kompetenten wie befehlsgewohnten Hafenmeister, denn der sah vom Steg aus schon im Vorfeld jede drohende Katastrophe und  rief den chaotisch im Hafen Becken kreuz und quer Steuernden Kommandos zu.

Wind, Tide und Strömung sind „a Hund“, denn heute früh mussten wir, die spätabends angekommen waren und, da die Marina Office unbesetzt war, irgendeinen freien Anlegeplatz gewählt hatten, den Platz wechseln. Das Manöver war im Vorfeld gut geplant, der Wind blies gegen uns, der Captain hatte alles voll unter Kontrolle, bis ihn ein Knirschen und ein lauter Schrei meinerseits ein bisschen aus dem Takt brachten. Wir hatten zielsicher mit unserem Ankergeschirr den einzigen Zählerkasten dieses Steges anvisiert und aufgespießt. Inzwischen kam ein anderer Bootseigner zu Hilfe und erklärte uns, dass der Ebbstrom zu dieser Uhrzeit so stark sei, dass er uns Richtung Steg treiben würde. Der Ebbstrom is a Hund. Der zweite Manöverversuch gelang angesichts dieser neuen Strom-Erkenntnis ausgezeichnet und dass der Zählerkasten nach Maha Nandas Zieleinlauf eine leichte Helixkrümmung hat, ist bisher niemanden von den Officials aufgefallen…

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Teile des Hafen von Bembridge fallen trocken

Nach zwei Stunden Hafenkinoschauen stellt sich unsere kleine Zählerkasten-Rammeinlage allerdings als harmlos heraus, denn wir sahen etliche An- und Ablegemanöver danebengehen, mehrere Male musste der Hafenmeister – übrigens die englische Version von Robert de Niro – einschreiten, um Schlimmstes zu verhindern. Offensichtlich ist der Hafen von Bembridge echt a Hund und der Hafenmeister versicherte uns: „If you can sail in the Solent, you can sail everywhere in the world.“ Auf Segel-Webpages liest man: „Der Solent ist eines der anspruchsvollsten Segelreviere überhaupt, Tide und Strömungen bis zu vier Knoten erfordern exakte Navigation und vorausschauende Berechnung.“ Viele Fremde wagen sich allerdings nicht nach Bembridge, man sieht hier ausschließlich den Union Jack am Heck wehen und unsere Flagge wurde schon von etlichen Briten bestaunt,. Tatsächlich könne man sich hier, so erklärte man uns in der Marina Office, an keinen Österreicher erinnern. „You really are from Austria? But you have no sea, I thought you only can ski“, meinte unser gerade eingelaufener (wobei er einige Blessuren auf der steuerbord liegenden Yacht hinterließ) Vis-à-vis-Nachbar. Ob wir am Wochenende am Race around the Island teilnehmen würden, wollte er wissen. Regatten gibt es unzählige im Solent und wir überlegen bereits, ob wir es wagen sollen… Immerhin würden wir mit unserer alten Stahllady in einer eigenen Bootsklasse segeln und als einzige Teilnehmer dieser Klasse diese logischerweise gewinnen. Der Captain stellt sich gerade mit einem riesigen Orden auf seinem Clubblazer vor. Portsmouth-Regatta: Gold to Austria. Leider besitzt er keinen Clubblazer.

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Bembridge Harbour um 13 Uhr bei Niedrigwasser
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Bembridge Harbour um 19 Uhr bei Hochwasser

Statt Rennen zu fahren – weder Slalom noch Regatta – sitzen wir lieber im Cockpit unserer Maha Nanda und beobachten das Wasser im Hafenbecken. Erst tanzen die Boote an den Bojen, schwojen wie man es von ihnen erwartet, dann stehen sie irgendwann völlig unerwartet still, später sieht man ihre Unterwasserschiffe auftauchen, dann den Kiel, manche legen sich zur Seite. Nach zwölf Stunden ist die Hälfte des Hafens trockengefallen, die Ebbe macht Schlamm und grün-algigen Untergrund sichtbar und unsere Hafenwelt ist völlig verändert. Auch unser Tiefenmesser zeigt nur mehr wenige Zentimeter Wasser unterm Kiel. Hoffentlich sitzen wir jetzt nicht auf einem großen Fisch. Der Arme muss ein paar Stunden warten, bis die Flut kommt.

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Windmill of Bembridge
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Im Zentrum von Bembridge
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4 Kommentare

  1. Damit seid Ihr jetzt weiter westlich als ich auf meinem damaligen Kanaltoern gekommen bin. Eigentlich wollten wir ja auch in den Solent, aber dann mussten wir schon nach unserem ganz kurzen Aufenthalt in Brighton zurueck.

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