Reisestart: 30 Kleinigkeiten, 100 Kilo Kette und eine 1000-Einwohner-Stadt

Goedemorgen Segelfans und Landratten! Wir melden uns vom Hafen Stavoren, was bedeutet, Captain Christoph hat exakt fünf Wochen nach seiner Ankunft in Lemmer gemeinsam mit seiner seit drei Wochen ebenfalls an Bord befindlichen Crew Ulli den Jachthaven Fries Hoek an Bord von Maha Nanda verlassen.

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Klar zum Ablegen? Wir starten!

Kleine Verlust-Zwischenbilanz: eine Schraubenmutter, ein T-Shirt, den Kopf des Gummihammers und des Captain Brille im Hafenbecken versenkt, zwei Duschbäder, zwei Shampoo und ein Badetuch im Duschraum vergessen. „Wenn ihr so weiter macht, kommt ihr nach einem Jahr nur mit Handgepäck heim“, lautet dazu der lapidare Kommentar unseres Sohnes Johannes.

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Solarpaneel? Check! Generator? Check!

Nichtsdestotrotz: Wir sind gestartet. Natürlich hat sich unser geplantes Ablegen verzögert, weil wir unseren Bordregeln treu bleiben und Christoph am Tag X  wie auch an allen 35 Tagen davor „nur noch ein paar Kleinigkeiten“ zu erledigen hatte. Die Kleinigkeiten dauerten dann bis in den späten Nachmittag. Habe ich eigentlich schon erzählt, dass die unendliche Geschichte des Trägers für Windgenerator und Solarpaneel eine Fortsetzung erfuhr? Als die Teile mit nur acht Monaten Verspätung geliefert und lieblos an Deck geknallt statt montiert worden waren und Christoph und ich in Teamarbeit die eigentlich dem Fachmann in Auftrag gegebene Montage selbst übernommen hatten, stellte der Captain – wenige Minuten vor Anschluss und Inbetriebnahme – fest: der Träger für den Generator war zu kurz, die Rotorblätter ragten über die Querstrebe und hätten sich beim ersten Windstoß selbst zerhackt. Infolgedessen hieß es: Träger zum dritten Mal abmontieren, Trägermann kontaktieren, Träger verlängern lassen, Träger erneut montieren. 

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Der Anker sieht nach Drahtbürsten-Massage aus wie neu!

Was wir am Abreisetag noch „schnell“ erledigt haben: Sicherungen für Generator und Paneel einbauen und – Hurra! – beides aktivieren, auf den Mast steigen und die Leine für die Gastlandflagge auf der Steuerbordsailing befestigen sowie den Radarreflektor fixieren, die Stopfbuchse schmieren, das Bedienelement für die Ankerwinde im Ankerkasten montieren, 100 Kilo Ankerkette in den Ankerkasten befördern, das Dingi an Bord sichern, den Außenborder an der Reling befestigen, ein paar Kleinigkeiten einkaufen und danach die Klappräder verladen…

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Jubel in Sloten

 

Rückblickend muss ich sagen: ein Wunder, dass wir überhaupt noch an diesem Tag losgekommen sind, aber Maha Nanda ruckte schon seit Tagen herausfordernd in den Leinen, als warte sie auf den Moment, an dem sie endlich losgelassen würde und auch der Generator, den wir mit einer Leine zum Stillstand verdonnert hatten, schien zur rufen: „Löst die Leinen! Lasst mich laufen!“.

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Unser Yachtmakler Walter verabschiedet sich und bringt noch eine Manöverschluck-Flasche vorbei.

Weil’s mit dem Abschluss der Kleinigkeiten (wer jetzt glaubt, unsere To-Do-Liste wäre vollständig abgehakt, besitzt kein eigenes Boot) so spät war, haben wir spontan beschlossen, über die Kanäle Richtung Norden statt wie ursprünglich geplant gleich Richtung Südwesten nach Enkhuisen zu fahren. Also haben wir einen Softstart hingelegt – ganz gemütlich über Sloten und Woudsend nach Stavoren. Rückblickend muss ich sagen: ein Softstart, der sich gelohnt hat, denn Sloten und Woudsend besitzen zusammen drei Windmühlen und sind sehenswerte klassische friesische Dörfer. Hoppla, nicht ganz. Sloten ist die kleinste Stadt Frieslands mit gerade mal 1000 Einwohnern. Eine Stadt, wie sie Walt Disney niemals entzückender planen hätte können. Vom Yachthafen gehst du über eine kleine Brücke auf die alte Windmühle zu und von der Brücke aus siehst du fast die ganze Stadt in ihrer Pracht, denn sie besteht hauptsächlich aus einer Gracht, gesäumt von Linden und alten Backsteinhäusern, überspannt von vier Brücken. Zwei Kirchen, ein Museum und drei Gasthäuser haben wir auch entlang der Gracht entdeckt. Oh wie schön ist das kleine Sloten!

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Sloten, Friesland
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Friesland-Segeln im Mai. Nein, wir befinden uns nicht im Südpolarmeer!

Und wie war das jetzt eigentlich mit dem Segeln? Von allem etwas, nur Wärme war nicht dabei. 12°, strahlend blauer Himmel und leichte Brise in Sloten, frische Briese in Woudsend wo uns ein paar harmlose Wolken obendrein das letzte bisschen Wärme nahmen, und starker Wind in Stavoren. Die letzte Seemeile mussten wir schließlich bei 6 Bft aus Nord und typisch kurzen Ijsselmeer-Wellen gegenan motoren. Dies war der Moment, als des Captains Kommando: „Schwimmwesten und Lifeline anlegen!“, lautete. Der 6er hatte uns schließlich auch im Hafenbecken voll im Griff und als Bavaria- und Jeanneau-Joghurtbecher-Mittelmeerseglerin ist es für mich beeindruckend, zu erleben, wie Christoph unsere 8-Tonnen-Stahllady bei Seitenwind in die Box zirkelt, ohne den Steg zu Kleinholz zu hacken und die GFK-Yachten steuer- und backbords zu versenken. Zugegeben, ein paar Leinentricks mussten wir anwenden, bis wir endlich ins Logbuch „festgemacht, Motor aus“ eintragen konnten, aber als Stahlyacht-Neulinge brauchen wir uns nicht zu verstecken, denn der Starkwind im Hafenbecken war heute niemandem beim Anlegen wurscht.

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Hafeneinfahrt von Stavoren

Jetzt werden wir mal die paar Meter Richtung IJsselmeer-Ufer zum Leuchtturm gehen und uns mit eigenen Augen von Windstärke und Wellenhöhe überzeugen, denn den Wetterberichten ist nicht zu trauen. Aus dem, was wir sehen und dem, was fünf verschiedene Online-Wetterseiten sagen, werden wir eine gemeinsame Schnittmenge bilden und dieses Ergebnis wird darüber entscheiden, ob wir in Stavoren bleiben oder nach Süden segeln. Bin schon gespannt.

 

9 Kommentare

  1. Als ich letztes Jahr mit einer gecharterten Lemsteraak in Hindeloopen im alten Hafen lag, ging es mir genauso: Das Wetter ist das Eine, die Meteo-Berichte darüber das andere. Nochmals eine völlig eigene Kategorie ist jedoch die ganz persönliche Empfindung des Wetters. Im Hafen pfiffen die Wanten der Segelyachten bedrohlich und manches lose Grossfall peitschte erbarmungslos gegen den Mast. schaumkronengeschmückte Wellen wurden unablässig vom Wind in das Hafenbecken gespült. Wir waren unsicher, ob es überhaupt zu verantworten war aufs IJsselmeer auszulaufen, schätzten wir den Wind doch auf mindestens 6 Bft. Der Hafenmeister lächelte und sagte, das seien höchstens 4 Bft. Wind. Tatsächlich bewies uns der Hand-Windmesser an geeigneter Stelle, dass dem so war.
    Wir gingen dann. Und erlebten einen fantastischen Segeltag.

    Gefällt 1 Person

    1. so eine Lemsteraak ist schon etwas Besonderes! Und du hast absolut recht: erst waren wir skeptisch aber unser Stegnachbsr meinte die Bedingungen wären perfekt. Und das waren sie dann auch! Schöne Grüße aus Enkhuisen

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  2. In Stavoren bin ich immer gerne gestartet, weil man dort [es ist ja so haeufig eine Westwind-Lage] so prima sehen kann, wie es draussen zugeht. Und wenn man dann raus geht, kriegt man sofort Alles auf die Nase, was das Ijsselmeer so zu bieten hat, und kann – wenn es einem zuviel ist – immer noch relativ einfach umdrehen und zurueck in den Hafen fliehen.
    Alles, alles Gute fuer Eure Reise,
    Pit
    P.S.: Und vergesst den Begruessungsschluck fuer Neptun nicht. Der Kerl muesste eigentlich schon sturzbesoffen sein bei Allem, was er so kriegt, aber man muss ihn sich eben dennoch guenstig stimmen. 😀

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