Wie wir unser Schicksal als Werft-Faktotum rechtzeitig abwenden konnten

Poseidon sei Dank, Maha Nanda schwimmt wieder! Sie ist da, wo sie hingehört: im Wasser. Genauer gesagt liegen wir im Jachthaven Friese Hoek in Lemmer – sicher vertäut mit sechs Leinen, denn in den nächsten Tagen soll es stürmisch und regnerisch werden. Wir aber haben es uns schon gemütlich gemacht, denn mit unserem kleinen Petroleumofen erreichen wir im Nu 26 Grad Raumtemperatur, da kann uns das hartnäckige Friesland-Tief gestohlen bleiben. Ohnehin müssen wir noch bis Montag warten, denn da haben wir einen Termin mit jenem Techniker, der Windgenerator, Solarpaneel und Ankerwinde anschließen soll. Und dann? Wären wir startklar. Naja, ein paar Kleinigkeiten sind noch zu erledigen, aber ganz ehrlich: Wenn wir alle Kleinigkeiten abarbeiten, kommen wir nie weg, siehe: das Parodoxon der To-Do-Liste (die immer länger wird, je mehr man streicht). Der Plan lautet also: Nächste Woche nutzen wir den ersten Tag mit passablem Wind und starten los.

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Zwischendurch zweifelten wir ja ernsthaft an der Idee unseres schwimmenden Schiffes, denn nach genau vier Wochen am Parkplatz des Jachthafens hatte sich der Captain auf seinem Standplatz schon richtig eingelebt. Trocken und stabil wars hier allemal, zudem das Waschhaus nur ein paar Schritte entfernt, die Fahrräder direkt unter dem Rumpf und das Café Skipswinkel gleich vis-á-vis. Wir züchteten Kräuter, hängten die Spitzenwäsche zum Trocknen an die Reling, schlurften in der Früh im Pyjama mit verstrubbeltem Haar über den Parkplatz zu den Toiletten und fühlten uns insgesamt schon als Teil des Werftgeländes. Nur wenige Zeit länger an diesem Ort und wir würden für den Rest des Jahres als fixer Bestandteil, als Faktotum, auf diesem Parkplatz verweilen. Christoph plante schon den Bau eines Gartenzaunes, um uns ein bisschen von den geparkten Autos abzugrenzen, ich dachte währenddessen über den Kauf von Hühner nach, um mir für das Frühstücksei den Weg zum Supermarkt zu ersparen…

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Überhaupt ist hier alles so praktisch und unkompliziert. Kurz mal eine Mail in meinem Account checken und ein paar Seiten ausdrucken? Kein Problem. Houwina, die Chefin von Werftbüro und Shop, lässt mich an ihrem Schreibtisch arbeiten. Schleifmaschine, Bohrer, Farbe, Staubsauger oder Leiter werden benötigt? Werftchef Martin drückt uns die gewünschten Teile in die Hand und stellt uns auch gleich eine Werkbank zur Verfügung, an der wir in Ruhe unsere Arbeiten erledigen können. Denn in den Niederlanden lebt sich’s ein bissl unkomplizierten als im Rest Europas, so nach dem Motto: mit weniger Regeln und ein bissl mehr Grundintelligenz klappt das Leben besser.

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Wenn Captain Christoph arbeitet, bleibt kein Stein am anderen

Trost freudvollem Werftdasein: auf ein paar Arbeiten hätten wir allemal gern verzichtet, aber so ist eben das Seglerleben. Du weißt nie, welche Arbeit der nächste Tag bringt. Für den Träger von Windgenerator und Solarpaneel zahlen wir nicht wenig – ist ja eine Maßanfertigung – und die Anzahlung haben wir bereits im September geleistet, da war der Träger-Mann (der Chef der Ein-Mann-Firma, dessen Namen wir uns nicht gemerkt haben) da und hat Maha Nandas Heck vermessen. Vereinbart war, dass der Träger über den Winter montiert wird. Bis Mitte April passierte mal gar nichts und erst nach mehrmaligem Nachtelefonieren, erschien der Träger-Mann eines Tages, als wir gerade in der Plicht gemütlich beim Frühstück saßen, und – nix Montage – vermaß unser Schiff ein weiteres Mal. Hatte wohl über den Winter entspannendere Dinge zu tun, als für uns zu arbeiten…

Frühestens in einer Woche hätte er die Teile fertig, erklärte er uns noch, um dann viele Tage später wieder zu erscheinen. Montiert hat er sie allerdings nicht. „Du, Captain, der Träger-Mann war da. Er hat uns zwei Niro-Teile aufs Deck geworfen und gemeint, die Montage dürfe er nicht machen. Entweder du machst das selbst oder jemand von der Werft übernimmt das.“ Christophs Freude war enden wollend, als er sich an die Arbeit machte, die wir eigentlich schon angezahlt hatten.

Zwei Tage später kam der Träger-Mann erneut, um ein weiteres Teil vorbeizubringen und nochmal einen Tag später warf er uns die letzen zweit Niro-Stangen aufs Deck. Christophs Arbeitsauftrag für die nächsten Tage lautet infolgedessen: Baue einen Träger, montiere Generator und Solarpaneel und lege die Kabel.

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Zwar habe ich jetzt sehr viel über Christophs Fleiß geschrieben, aber ich selbst war auch nicht ganz untätig., sondern arbeite im Gegenteil intensiv am Aufbau meines Bizeps. Unter anderem habe ich an Maha Nandas Rumpf Ausbesserungsarbeiten übernommen – also die Farbe, die Veronika aufgetragen hatte, abgeschliffen (sorry Veronika, du hattest recht, es war die falsche) und neue aufgetragen: Britannia Blue ist die Farbe Maha Nandas, ein Klassiker sozusagen. Und dann habe ich den gesamten Rumpf geschlagene sechsmal (!) poliert und gewachst. Allein viermal davon gestern – im Akkord – denn der Krantermin um 15 Uhr rückte immer näher und es wäre ärgerlich – beziehungsweise für mich indiskutabel – gewesen, wäre unsere alte Lady mit glänzender Steuerbordseite und grau-verschmierter Backbordseite im Hafenbecken geschwommen.

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Dann ging alles sehr schnell, unkompliziert wie das Leben hier so ist. Punkt 15 Uhr warf ich den letzten Polier-Fetzen in den Müll und verräumte die Lackdosen. 15.15 Uhr rückte Erik mit dem Traktor an und um 15.30 Uhr gingen wir an Bord unseres schwimmenden Schiffes. Einmal die äußere Kaimauer entlang, nach der Hafeneinfahrt gleich backbord zu den letzten beiden Stegen und – mit ein paar Tricks, denn der ausgerechnet beim Anlegen auffrischende Westwind war eindeutig gegen unser Manöver – hinein in Box Nummer 224. Voilá, hier liegen wir und machen uns bereit für jenen Tag, an dem der Wind günstig sein wird…

 

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7 Kommentare

  1. Prima sieht sie aus, Eure Maha Nanda im frischen Kleid! 🙂
    Apropos „Bestandteil des Jachthafens“: da haetten Euch wohl nur noch die Gartenzwerge gefehlt! 😀
    Und jetzt bleibt mir nur noch zu wuenschen: Allzeit gute Fahrt, Mast- und Schotbruch, immer eine handbreit Wasser unter den Kiel, und guenstige Winde!
    Liebe Gruesse,
    Pit
    P.S.: Ich glaube zwar nicht, dass Euer Toern Euch irgendwann auch an die texanische Golfkueste fuehren wird, aber sollte es dennoch sein, lasst von Euch hoeren. „Just holler“, wie man hier so sagt.

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      1. Zaun und Gartenzwerge kenne ich von Campingplatezen in Holland, wo oft die Wohnwagen fest installiert waren, so mit richtig „deutscher Kleinkunst“ drumrum. 😀

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