Kleine Schraube, großes Glück: möge die Arbeit beginnen!

Der Captain ist bereits an Bord von Maha Nanda, also dort, wo er ab sofort ein Jahr lang hingehört. Allerdings ist er ein bisschen einsam, quasi ohne Befehlsempfänger. Denn seine Crew, also Deckhand Ulli, ist derzeit 1300 Kilometer von ihm entfernt. Definitiv zu weit weg, um seine Kommandos zu hören, geschweige denn auszuführen. Tatsächlich ist ist der Moment gekommen, wir starten unsere Reise, genauer gesagt, ist Christoph schon gestartet – vor ein paar Tagen ist er losgefahren, hat unsere Haustür hinter sich geschlossen, zugesperrt und ist ins Auto gestiegen, um für ein Jahr nicht mehr nach Hause zu kommen.

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Ankunft in Lemmer, Friesland: Die Sitzbank der Plicht kommt an Bord

Mitgenommen hat er nicht nur einen Anhänger voll Schiffsteile, Werkzeug und Hausrat, sondern auch unsere beiden Söhne. Zwei junge Männer als Hilfsarbeiter sind keine schlechte Begleitung, wenn schwere Arbeit ansteht. (Und der Abschied fällt in Lemmer leichter… glaub ich.) Der Nachteil des Männertrios: kein Platz an Bord. Denn egal, welche Arbeit ansteht, überall liegen Dinge herum. Teile, die noch eingebaut werden müssen, Werkzeug, Equipment, für das noch kein Stauraum gefunden wurde – ja es ist eng an Bord. Dabei haben die drei noch gar nicht die große blaue Segeltasche ausgeräumt. Die liegt noch im Auto, denn darin sind Teile, die Männer sicherlich nicht brauchen: meine Kleidung für ein Jahr. Als ich nämlich zwei Tage vor Christophs Abfahrt händeringend um seinen Rat bat, welche der 25 Kleider ich mitnehmen sollte, vielmehr, welche ich zu Hause lassen sollte (am besten keine), sagte er: „Du darfst so viel mitnehmen, wie in diese Tasche passt.“ Das muss man dem vielseitigsten aller Ehemänner lassen: packen kann er. Obwohl nicht alle 25 Kleider mitgekommen sind…

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Lemmer, Yachthafen Friese Hoek. Maha Nanda noch an Land.

Die Kleiderfrage ist allerdings derzeit das 497. Problem meiner Männer. Beschäftigt sind sie eher mit essentiellen Fragen, wie: „Wieso ist das rot-schwarze Kabel am anderen Ende nur mehr schwarz? Was ist das für ein Kabel, das in den Mast und dann wieder runter führt warum hat es die falsche Farbe? Warum ist dort Strom, wo ihn keiner braucht und wieso piepst es, wenn man den Schalter umlegt?“

Ullis Seemannsweisheit

Die Frage, ob stromführend oder nicht, wurde mangels Messgerät durch bewusst herbeigeführten Funkenschlag mit ja beantwortet, ein Schaltplan existiert nicht und beim Versuch, das Soundsystem anzuschließen, fiel die Sicherung. Zusammengefasst: Das mit dem Strom haben die Männer noch nicht im Griff – weder Funkgerät noch Plotter und Radio geben ein Lebenszeichen von sich. Aber einige Dinge sind schon erledigt, man höre und lobe, denn eine (zumindest mir) altbekannte Seemannsweisheit lautet: „Schnell mal gibt’s nicht.“ Fast jede Kleinigkeit artet in stundenlange Arbeit aus. Den alten, vergammelten Wassertank schnell mal abmontieren? Leider nein, denn der lang gesuchte Auslass wurde erst bei der Demontage entdeckt und Christoph musste sämtliche Bodenbretter und diverse Paneele abmontieren – quasi den halben Salon zerlegen.

Aber auch Verschönerungen sind schon erledigt: Wir haben jetzt ein Bücherregal und zwei Bilder unserer Söhne hängen im Salon. Übrigens fotografiert von Regina Courtier, meiner Lieblingsfotografin, einer Zauberin, die genau in jenem magischen Moment am Auslöser drückt, wenn sich ihr Fotoobjekt am Zenit seiner Schönheit befindet.

Kinder2 Kopie

Kinder Kopie

Heute Früh hat Christoph einen kleine Glücksmoment erlebt. Vor drei Tagen hatte er neben dem Mastfuß eine Schraubenmutter gefunden, die er nicht zuordnen konnte. Drei Tage lang beobachteten die Männer bei jeder Sturmböe besorgt den Mast – ob möglicherweise ganz oben eine Schraube fehlte und ein essentieller Teil vom Winde verweht würde? Heute schaute Christoph in der Früh – bei 0 Grad Außentemperatur und 3 Grad Innentemperatur vom kuscheligen Schlafsack aus der Decksluke, betrachtete den strahlend blauen Himmel, hörte den Wind heulen und entdeckte … die fehlende Schraube am Lümmelbeschlag.  Welch großes Glück! Der Captain muss nicht auf den Mast steigen,er muss nur schnell mal die Schraube befestigen…

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Die Plicht ist schon möbliert. Abendessen mit Aussicht auf die Werft.
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5 Kommentare

  1. Das erinnert mich an den alten Regattasegler-Trick, wenn man nun mal partout nicht am Gegner vorbeikommt: einen kleinen Schaekel rueber ins Segel werfen. In dem Augenblick, wo da irgendetwas Undefinierbares von oben kommt, ist deren Konzentration dahin. 😀

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  2. Herrlich; wie schon weiland Kollege S. Freud aus Wien meinte: „wenn bei dir eine Schraube locker ist, liegt’s an der Mutter!“ Naja, ganz so einfach ist’s nun auch wieder nicht, wie der konkrete Beweis uns zeigt.
    Der Start rückt spürbar näher. Kribbelt’s ordentlich im Bauch?
    Gruss vom Ostseeskipper Sergio mit Start in die Einhandexpedition am 18.05.2019

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